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Dossier · Österreich, Wien, Gegenwart

Wenn die Fahnen lauter werden

Kränkung, Feindbilder, Ersatzreligionen und die neue Härte: neun Muster einer Gesellschaft, die sich an autoritäre Antworten gewöhnt.

Text: Thomas Schüller Wien Lesezeit ca. 25 Minuten Kommentar English version
Zeichnung: Zwei spiegelbildlich angeordnete Männer halten sich dieselbe weiße Maske vors Gesicht. Zwischen ihnen ein ovaler Spiegel mit zwei Pfeilen — Täter nach rechts, Opfer nach links. Über den Köpfen zwei Sprechblasen: „Freie Meinung!“ und „Wir sind unterdrückt!“
Zwei Männer, eine Maske. Gestritten wird nur darüber, wer sie zuerst aufsetzen darf. Ausschnitt aus Tafel 01 · Illustration: Thomas Schüller

Es fühlt sich an, als käme etwas Altes zurück. Nicht in derselben Uniform, nicht mit denselben Parolen. Aber als Ton. Als Haltung. Als Lust an der Härte und als Freude am Feindbild. Die ewiggestrige Scheiße ist nicht plötzlich wieder da — sie war nie ganz weg. Sie hat nur die Kleidung gewechselt. Dieser Text versucht, ihre neuen Kleider zu beschreiben: neun Muster, die sich gegenseitig stützen, vom Stammtisch bis zum Rechenzentrum.

Kapitel 01

Das Grundrauschen

Während Corona hatte der Irrsinn ein Objekt. Heute hat er keines mehr — und ist gerade deshalb gefährlicher.

Während der Pandemie war die Radikalisierung sichtbar. Sie hatte einen Anlass und ein Ziel: Maske, Impfung, Lockdown, Regierung, Virologen, Medien. Man konnte die Demonstrationen sehen, die Telegram-Gruppen benennen, die Parolen erkennen. Es war hässlich, aber in seiner Hässlichkeit relativ klar.

Heute ist es anders. Die Radikalisierung ist weniger spektakulär, aber tiefer. Sie hat keinen einzelnen Auslöser mehr. Sie ist zum Grundrauschen geworden. Der Hass braucht keine Pandemie. Die Feindbilder laufen auch ohne Ausnahmezustand. Die Kränkung ist nicht mehr ereignisbezogen, sondern dauerhaft.

Corona war der Brandbeschleuniger. Die Nach-Corona-Zeit ist die Glut unter dem Boden. Viele haben in der Pandemie gelernt, dass maximales Misstrauen Aufmerksamkeit bringt. Andere haben gelernt, dass radikale Erzählungen Gemeinschaft stiften. Wieder andere haben gesehen, dass Institutionen Fehler machen, langsam reagieren, widersprüchlich kommunizieren. Das damals beschädigte Vertrauen ist nicht automatisch zurückgekehrt — die Energie wandert nur weiter. Wenn keine Maske mehr da ist, wird die Fahne wichtiger. Wenn keine Impfpflicht mehr droht, wird Migration zum Ersatzthema. Wenn der Ausnahmezustand endet, bleibt bei vielen der innere Ausnahmezustand bestehen.

Die Gesellschaft wirkt nicht mehr nur aufgeregt. Sie wirkt gereizt, erschöpft, misstrauisch und empfänglich für jede Erzählung, die Entlastung verspricht. Aus Frust wird Meinung. Aus Meinung wird Identität. Aus Identität wird Lager. Aus Lager wird Feindbild.

Kapitel 02

Nicht 1933 — aber dieselben Verfahren

Wer nur nach Hakenkreuzen sucht, übersieht den Mechanismus. Geschichte wiederholt sich selten als Kopie. Sie wiederholt sich als Verfahren.

Die ehrliche Antwort auf die Frage, ob wir wieder in einer politischen Vor-NS-Zeit leben, lautet: nein. Wer das behauptet, macht es sich zu leicht. Österreich ist heute eine gefestigte Republik — eingebunden in die Europäische Union, den Verfassungsstaat, internationale Konventionen, Medienpluralität und eine ganz andere politische Kultur als in der Ersten Republik. Aber ebenso falsch wäre die Entwarnung.

Vor dem Austrofaschismus und vor dem Nationalsozialismus standen nicht nur Ideologien. Es standen Krisen, Kränkungen, Abstiegsängste, schwache Institutionen, politische Gewalt, Misstrauen gegen Parlamente und die Suche nach Schuldigen. Die Demokratie wurde nicht an einem Tag abgeschafft. Sie wurde erst verachtet, dann ausgehöhlt, dann ersetzt.

Dabei muss man historisch sauber bleiben: Der Austrofaschismus war nicht der Nationalsozialismus. Das Dollfuß-Schuschnigg-Regime war katholisch-konservativ, ständestaatlich, antimarxistisch und autoritär; es bekämpfte auch die österreichischen Nationalsozialisten. Aber es zerstörte die parlamentarische Demokratie, schwächte Freiheitsrechte und zerschlug die Arbeiterbewegung. Genau das ist der Punkt: Auch Bewegungen, die sich als Schutzwall gegen ein größeres Übel verkaufen, können selbst antidemokratisch werden.

Die Parallelen zur Zwischenkriegszeit liegen nicht im Kostüm, sondern in fünf Verfahren.

  1. Die Krise wird personalisiert. Inflation, Wohnungsnot, Migration, Bildungsversagen, Globalisierung — komplexe Probleme werden auf Feindgruppen reduziert. Damals „Marxisten“, Juden, Liberale, „Systemparteien“. Heute je nach Lager: Migranten, Gläubige der jeweils anderen Religion, „die Eliten“, „Brüssel“, Journalisten, Feministinnen, Minderheiten aller Art — oder schlicht „die anderen“. Welche Gruppe die Rolle bekommt, ist austauschbar. Dass eine sie bekommt, ist der Punkt.
  2. Das Volk wird gegen die Institutionen ausgespielt. Autoritäre Politik behauptet, sie vertrete den wahren Volkswillen gegen Parlamente, Gerichte, Wissenschaft und Verwaltung. Diese Institutionen sind aber keine Dekoration. Sie sind die Bremsen, die verhindern sollen, dass eine aufgeheizte Mehrheit zur Waffe gegen Minderheiten wird.
  3. Symbole ersetzen Argumente. Fahnen, Farben, Parolen, Märsche, historische Mythen, Opferkult und Reinheitsfantasien liefern Identität ohne Nachdenken. Wer sich schwach fühlt, kann sich stark fühlen, wenn er im Kollektiv aufgeht.
  4. Gewalt wird vorbereitet, bevor sie ausgeübt wird. Zuerst kommt die Sprache. Dann die Enthemmung. Dann die Drohung. Dann die Gruppe. Dann die Tat. Die Grenze zwischen Stammtisch, Chatgruppe, Straßenauftritt und Angriff ist heute flüssiger als früher, weil digitale Räume Radikalisierung beschleunigen.
  5. Bürgerliche Normalisierung öffnet die Tür. Der Faschismus marschiert selten allein zur Macht. Er wird unterschätzt, eingebunden oder taktisch benutzt. In der Zwischenkriegszeit war das fatal. Heute ist es wieder eine reale Gefahr, wenn demokratische Parteien autoritäre Sprache übernehmen, weil sie glauben, damit Stimmen zurückzuholen.

Die FPÖ ist in diesem Bild nicht bloß eine Protestpartei. Sie ist Trägerin eines politischen Stils, der nationale Homogenität, Anti-Migrationspolitik, Medienfeindlichkeit, Elitenverachtung und autoritäre Sehnsucht verbindet. Ihr Erfolg zeigt nicht nur Unzufriedenheit, sondern auch die Bereitschaft vieler Menschen, einfache Antworten höher zu bewerten als liberale demokratische Sicherungen. Das heißt nicht, dass jeder Wähler ein Extremist ist — diese Pauschalisierung wäre analytisch falsch. Aber genau darin liegt die Gefahr: Autoritäre Bewegungen brauchen nicht nur überzeugte Ideologen. Die Kader liefern die Ideologie, die Enttäuschten liefern die Legitimation.

Kapitel 03

Die Kränkungsgesellschaft

Der zentrale Rohstoff der Gegenwart ist nicht Hass. Es ist Kränkung — und sie lässt sich politisch verwerten.

Kränkung bedeutet nicht einfach, dass jemand beleidigt wurde. Kränkung ist das Gefühl, entwertet, übergangen, lächerlich gemacht oder betrogen worden zu sein. Es ist die Wunde des Menschen, der glaubt: Die Welt schuldet mir etwas, aber sie gibt es anderen.

Aus Kränkung entsteht nicht automatisch Extremismus. Aber politische Unternehmer können sie verwerten. Sie sagen: Du bist nicht gescheitert, du wurdest verraten. Du bist nicht verunsichert, dein Land wurde dir genommen. Du musst nicht nachdenken, du musst dich wehren. Du bist nicht allein, du bist Teil eines Volkes.

Dass dieses Angebot gerade jetzt zieht, hat Gründe, die sich überlagern. Die ökonomische Unsicherheit: Wohnen wird teurer, Arbeit fühlt sich unsicherer an, Aufstieg ist für viele weniger glaubwürdig. Wer dauerhaft unter Druck steht, wird anfälliger für einfache Antworten — nicht weil er dumm ist, sondern weil Dauerstress das Denken verengt. Der Repräsentationsverlust: Menschen hören Transformation, Klimaneutralität, Standort, Integration — und erleben gleichzeitig steigende Preise, überforderte Schulen und eine Politiksprache, die klingt wie Verwaltung ohne Herzschlag. Die kulturelle Überforderung: Migration, Geschlechterrollen, Religion, Stadtentwicklung, Krieg, Klima und Digitalisierung verändern Alltagswelten schneller, als viele sie psychisch verarbeiten können. Die digitale Dauererregung: Früher brauchte Radikalisierung Verein, Stammtisch, Zeitung, Prediger oder Straße. Heute reicht ein Handy. Der Algorithmus liefert jedem seine maßgeschneiderte Kränkung im Minutentakt. Das institutionelle Misstrauen: Wo Menschen glauben, Politik, Medien und Experten dienten nur sich selbst, entsteht ein Vakuum — und es wird nicht neutral gefüllt. Und die soziale Vereinzelung: Viele sind formal vernetzt, aber praktisch einsam. Wo echte Gemeinschaft fehlt, wird Ersatzgemeinschaft attraktiv. Fanatismus ist oft missbrauchte Sehnsucht nach Zugehörigkeit.

Die Sucht ist nicht die nach Wahrheit. Sie ist die nach Entlastung.

Nationalismus verwandelt private Unsicherheit in kollektive Stärke. Führerkult verwandelt Zweifel in Gehorsam. Verschwörungsglaube verwandelt Komplexität in Absicht. Religion kann, politisch missbraucht, Ambivalenz in absolute Gewissheit verwandeln. Der Einzelne muss sich dann nicht mehr fragen: Was stimmt? Was ist mein Anteil? Was muss ich lernen? Er muss nur noch fragen: Wer gehört zu uns, und wer ist gegen uns?

Kapitel 04

Täter-Opfer-Umkehr

Der Angreifer tritt als Verteidiger auf. Das ist keine Nebensache, sondern der wichtigste psychologische Motor autoritärer Bewegungen.

Das Prinzip ist einfach: Wer andere abwertet, bedroht oder ausgrenzt, erklärt sich selbst zum eigentlichen Opfer. Der Hetzer nennt sich Wahrheitskämpfer. Der Einschüchterer spricht von Meinungsfreiheit. Der Nationalist behauptet, nur seine Kultur schützen zu wollen. Der religiöse Hardliner verteidigt angeblich nur seine Gemeinschaft gegen den Verfall. So wird Aggression moralisch gereinigt: Der eigene Hass erscheint nicht mehr als Hass, sondern als Notwehr.

Aus Ohnmacht wird Angriff

Am Anfang steht meist eine Kränkung. Die Welt wird als demütigend, unübersichtlich, ungerecht erlebt. Diese Ohnmacht ist schwer auszuhalten — die Umkehr löst das Problem, indem sie das Vorzeichen dreht.

Aus„Ich habe Angst“

wird„Wir werden bedroht“

Aus„Ich bin verunsichert“

wird„Man will uns vernichten“

Aus„Ich komme mit der Welt nicht zurecht“

wird„Die anderen zerstören unser Land“

Damit wird das eigene aggressive Verhalten subjektiv erlaubt. Wer sich als Opfer erlebt, muss sich nicht mehr fragen, ob er unfair, brutal, rassistisch, antisemitisch oder frauenfeindlich handelt. Er glaubt, er reagiere nur.

Projektion und Spaltung

Dazu kommt ein zweiter Mechanismus: Was man an sich selbst nicht sehen will, wird dem Gegner zugeschrieben. Die eigene Aggression wird zur Aggression der anderen. Der eigene Wunsch nach Kontrolle wird zur angeblichen Kontrolle durch „das System“. Die eigene Sehnsucht nach Gleichschaltung wird als Kampf gegen „Umerziehung“ verkauft. Rechtsextreme sprechen von „Meinungsdiktatur“, während sie Gegner einschüchtern. Fundamentalisten sprechen von „Diskriminierung“, während sie Frauen und Abweichler kontrollieren wollen. Verschwörungsideologen behaupten, sie würden nur Fragen stellen, liefern aber fertige Feindbilder.

Und schließlich die Spaltung: Die eigene Gruppe ist ehrlich, natürlich, arbeitend, verwurzelt; die andere korrupt, parasitär, dekadent, verräterisch. Das entlastet enorm. Ambivalenz verschwindet. Man muss nicht mehr differenzieren, man muss nur noch zuordnen. Das ist nicht Denken. Das ist seelische Vereinfachung.

Die moralische Lizenz

Aus all dem entsteht eine Erlaubnis. Entmenschlichung heißt dann „klare Sprache“. Ausgrenzung heißt „Selbstschutz“. Zensurwünsche heißen „Schutz der Wahrheit“. Gewaltfantasien heißen „Notwehr“. Führerkult heißt „Respekt“. Der unausgesprochene Satz lautet: Weil wir Opfer sind, dürfen wir Täter sein. Das ist der Umschlagpunkt vom Ressentiment zur politischen Gefahr.

Man muss deshalb sauber unterscheiden — und zwar in beide Richtungen. Es gibt echte Opfer: Menschen, die rassistisch angegriffen werden; Frauen, die Gewalt erfahren; Gläubige, die wegen ihrer Religion bedroht oder pauschal verdächtigt werden; Minderheiten, die von der Mehrheit ausgegrenzt werden; Abweichler, die aus der eigenen Gemeinschaft heraus eingeschüchtert werden. Echte Opfererfahrung verdient Schutz, Recht und Anerkennung. Die autoritäre Opferpose ist etwas anderes: Sie benutzt die Sprache des Leidens, um Dominanzansprüche zu tarnen.

Echte Opfer verlangen Rechte. Autoritäre Opferposen verlangen Unterwerfung

Ausschnitt · Die fünf Stufen Fünf nebeneinanderliegende Tafelfelder: 1. Kränkung – ich fühle mich benachteiligt und übersehen. 2. Projektion – ich gebe anderen die Schuld für meine Probleme. 3. Spaltung – wir gut, die anderen böse. 4. Umkehr – ich tue Böses, nenne es aber Selbstverteidigung. 5. Macht – ich fühle mich stark, weil ich andere klein mache.
Stufe vier ist die entscheidende: Ich tue Böses, nenne es aber Selbstverteidigung. Die Reihenfolge ist keine Meinung, sondern ein Ablauf. Wer bei eins stehen bleibt, ist gekränkt. Wer bei fünf ankommt, hat aus der Kränkung ein Programm gemacht. Ganze Tafel ansehen → Illustration: Thomas Schüller
Kapitel 05

„Kevin war’s“

Warum Menschen lieber Schuldige suchen als Ursachen — und warum das Eingeständnis zu teuer wäre.

Natürlich geht es nicht um Kevin. Kevin ist ein Platzhalter. Für irgendeinen anderen. Für die bequeme Figur, auf die man alles abladen kann, was man am eigenen Denken, am eigenen Milieu, am eigenen Lebensmodell nicht ansehen will.

Komplexe Ursachen sind schwer auszuhalten. Wohnungsnot hat mit Bodenpolitik, Spekulation, Löhnen, Baukosten, Zinsen, Stadtplanung und Eigentumsstrukturen zu tun. Bildungsprobleme mit sozialer Herkunft, Sprache, Ressourcen, Lehrermangel, Segregation. Die Klimakrise mit Energie, Industrie, Konsum, Verkehr und jahrzehntelanger Verdrängung. Das alles verlangt Denken. Der Sündenbock dagegen entlastet sofort. Er hat ein Gesicht und einen Namen. Er macht aus Struktur ein Drama und aus Analyse ein Gefühl.

Dahinter steht ein zweiter, härterer Grund: Viele halten nicht deshalb an falschen Überzeugungen fest, weil sie nie Zweifel hätten, sondern weil ein Eingeständnis zu teuer wäre. Wer dreißig Jahre an eine politische Erzählung geglaubt hat, sagt nicht leicht: Ich habe mein halbes Leben mit einer falschen Annahme verbracht. Wer sein Leben auf Härte, Gehorsam und Anpassung gesetzt hat, erträgt schwer, dass genau diese Tugenden ihn nicht gerettet haben. Dann ist es psychisch billiger, einen Kevin zu finden. Denn wenn Kevin schuld ist, muss ich mein Weltbild nicht umbauen.

Esoterik und Verschwörungsglaube: dieselbe Funktion

Esoterik wirkt oft harmlos, weich, friedlich. Aber sie kann dieselbe Funktion erfüllen wie autoritäre Ideologie: Sie reduziert Komplexität und bietet Sinn ohne Prüfung. Krankheit wird zur „Blockade“, politische Krisen werden zum Plan dunkler Kräfte. Zufall wird zu Zeichen, Komplexität zu Absicht, Gefühl zu Wahrheit, Misstrauen zu Erkenntnis. Nicht jede spirituelle Praxis ist gefährlich. Aber dort, wo Prüfung durch Gefühl ersetzt wird, beginnt das Problem.

Die Verschwörungstheorie ist die radikalere Form. Sie sagt: Nichts ist Zufall, nichts ist Struktur, alles ist geplant. Das ist bequem, weil es Unordnung in Ordnung verwandelt. Ein geplanter Feind ist psychologisch leichter zu ertragen als eine komplexe Wirklichkeit ohne Zentrum. Wer an eine Verschwörung glaubt, muss nicht mehr fragen, warum Systeme so funktionieren. Er muss nur fragen, wer sie angeblich kontrolliert.

Nicht:Warum erzeugt der Wohnungsmarkt Ungleichheit?

Sondern:Wer will uns verdrängen?

Nicht:Warum macht KI Arbeit unsicherer?

Sondern:Wer plant die totale Versklavung?

Nicht:Warum habe ich Angst?

Sondern:Wer bedroht mich?

So wird Ressentiment gereinigt: Der Hass zieht sich die Maske der Erkenntnis an. Man sagt nicht „ich hasse“, man sagt „ich wehre mich“. Man sagt nicht „ich will nicht lernen“, man sagt „ich lasse mich nicht umerziehen“. Man sagt nicht „ich habe Angst vor Komplexität“, man sagt „ich durchschaue das System“.

Die Formel dahinter lautet: Je größer die Angst, dass das eigene Leben, Denken oder Milieu auf falschen Annahmen gebaut wurde, desto stärker der Drang, einen äußeren Schuldigen zu finden. Eine reife Gesellschaft würde sagen: Wir müssen Institutionen, Eigentumsverhältnisse, Arbeitswelt, Bildung und soziale Sicherheit neu ordnen. Eine unreife Gesellschaft sagt: Kevin war’s. Und der nächste Demagoge muss dann nur noch zeigen, wer Kevin ist.

Ausschnitt · Was wir nicht zugeben wollen Ausschnitt einer Bildtafel mit der Überschrift „Was wir nicht zugeben wollen“. Neben einem Mann, der sich die Hand vors Gesicht hält, stehen Sprechblasen: Ich habe 30 Jahre an etwas geglaubt, das grundsätzlich falsch war. Ich habe Parteien unterstützt, die Schaden angerichtet haben. Ich habe unkritisch Medien konsumiert. Ich habe von einem System profitiert, das andere ausbeutet. Ich habe meine Kinder falsch erzogen. Ich habe Verantwortung abgeschoben. Darunter der Satz: Eingeständnis ist schmerzhaft, Schuldverschiebung ist psychisch billiger.
Neben diesen sechs Sätzen ist jeder Sündenbock der günstigere Kauf. Nicht der Feind steht am Anfang, sondern die Rechnung, die man nicht bezahlen will. Kevin ist die Rate. Ganze Tafel ansehen → Illustration: Thomas Schüller
Kapitel 06

Die Stadt der Fahnen

Wien ist keine ethnische Kulisse, sondern eine Republik im Kleinen. Was sich hier zeigt, ist kein Herkunftsproblem — sondern ein Bauplan, der überall funktioniert.

Gemeindebau, Gürtel, Moschee, Burschenschaftshaus, Arbeiterkammer, Kaffeehaus, Balkanlokal, türkischer Supermarkt, ukrainische Hilfsinitiative, kurdische Demonstration, linkes Zentrum, katholische Tradition, säkulare Mittelschicht: An Wien lässt sich prüfen, ob eine Gesellschaft pluralistisch bleibt oder in konkurrierende Stammeslogiken zerfällt.

Das Problem ist nicht Herkunft. Eine freie Stadt muss aushalten, dass Menschen Erinnerung, Sprache, Religion und Familiengeschichte mitbringen. Problematisch wird es dort, wo Herkunft politisch verhärtet wird: wo aus Kultur Loyalität wird, aus Fahnen Reviermarkierungen, aus Religion Herrschaftsanspruch, aus Geschichte Opfermythos. Dann ist nicht mehr Vielfalt sichtbar. Dann ist Macht sichtbar.

Nicht ein Nationalismus, sondern ein Bauplan

Der Fehler vieler Debatten liegt darin, immer nur einen zu sehen — und dann über Herkunft zu streiten statt über Struktur. Die einen sehen nur heimischen Rechtsextremismus, die anderen nur „importierten“ Nationalismus. Beide Perspektiven sind zu eng, weil sie das Entscheidende übersehen: Es gibt keinen türkischen, keinen deutschen, keinen serbischen, keinen russischen Sonderweg in die autoritäre Loyalität. Es gibt einen Bauplan, und er funktioniert in jeder Sprache.

Er hat immer dieselben Teile. Eine Abstammungs- oder Glaubensgemeinschaft, die über dem Einzelnen steht. Eine Geschichte, in der die eigene Gruppe immer Opfer und nie Täter war. Ein Feind, der innen wie außen zu finden ist. Eine Führerfigur, die Zweifel abnimmt. Und Symbole, die das alles ohne einen einzigen Satz transportieren. Der Einzelne wird entlastet, indem er in der Gruppe aufgeht: Die Gruppe liefert Identität, die Fahne den Stolz, die Geschichte die Rechtfertigung, der Feind die Richtung, der Führer die Wahrheit.

Der Unterschied liegt im Mythos, die Ähnlichkeit in der Mechanik. Deshalb ist die Frage nie: Aus welchem Land kommt das? Sondern: Wird hier Zugehörigkeit über Abstammung definiert? Werden Abweichler zu Verrätern erklärt? Wird ein Machthaber verehrt statt kritisiert? Wird ein Territorium markiert statt bewohnt? Wer diese Fragen ehrlich stellt, findet Treffer in allen Milieus einer Großstadt — in alteingesessenen ebenso wie in zugewanderten, in weltlichen ebenso wie in religiösen. Wer nur in einer Richtung sucht, betreibt keine Analyse, sondern Lagerpolitik.

Nicht die Religion, sondern der Herrschaftsanspruch

Dasselbe gilt für den Glauben, und hier ist Präzision besonders wichtig, weil hier am schnellsten pauschaliert wird. Ein Gebet, ein Gotteshaus, ein Feiertag, eine Kopfbedeckung, religiöse Erziehung: Das ist Religionsausübung, nicht Extremismus. Wer das verwechselt, betreibt Kulturkampf und keine Demokratieverteidigung.

Fundamentalismus ist etwas anderes — und es gibt ihn in jeder Religion. Er will nicht erklären, wie der Einzelne leben soll, sondern wie Gesellschaft, Recht, Geschlechterverhältnis und öffentliche Ordnung auszusehen haben. Christliche Bewegungen, die Gesetze nach ihrer Heilslehre umbauen wollen. Hinduistischer Nationalismus, der Staatsbürgerschaft an Religion knüpft. Buddhistischer Nationalismus, der Minderheiten zu Fremdkörpern erklärt. Jüdischer, islamischer, orthodoxer Fundamentalismus, jeweils mit demselben Kern. Sie bekämpfen einander — und benutzen dieselbe Grammatik.

Denn die strukturelle Parallele zum völkischen Denken ist offensichtlich. Der eine sagt: Das Volk steht über dem Individuum. Der andere sagt: Die göttliche Ordnung steht über dem Individuum. Beide misstrauen der offenen Gesellschaft, beide brauchen Abweichler als Feinde, beide erklären Zweifel zum Verrat. Man kann fromm sein und Demokrat. Man kann nicht Demokrat sein und gleichzeitig verlangen, dass die eigene Wahrheit für alle gilt.

„Das sind doch nur Symbole“

Symbole sind nie „nur“ Symbole. Fahnen, Gesten, Abzeichen und Führerbilder sind soziale Signale: Ich gehöre dazu. Ich weiß, wer wir sind. Ich weiß, wer nicht dazugehört.

Natürlich ist nicht jede Fahne gefährlich. Eine Fahne beim Fußball, am Nationalfeiertag oder bei einer Kulturveranstaltung ist etwas anderes als die dauerhafte politische Markierung eines Geschäfts, Vereinslokals oder Straßenzugs. Es kommt auf Kontext, Häufung, Botschaft und Milieu an. Die Grenze verläuft dort, wo Symbole aufhören, Ausdruck zu sein, und anfangen, Revier zu beanspruchen: „Hier gilt unsere Ordnung.“

Und man kann beobachten, wie gemütlich das daherkommt: Führergesichter auf Plakaten, Diktatorenkitsch in Souvenirläden, nationalistische Ringe, Fahnenwände, Märtyrerbilder, politische Tattoos. Das wirkt manchmal fast lächerlich — und gerade darin liegt die Gefahr. Der Kitsch macht das Autoritäre gemütlich. Aus Diktatur wird Mitbringsel, aus Führerkult Accessoire, aus Ideologie Lifestyle.

Auffällig ist noch etwas: Diese Bewegungen verachten angeblich den Globalismus und sind selbst durch und durch global. Der eine wächst hier auf, geht hier zur Schule und verehrt einen starken Mann, der tausend Kilometer entfernt regiert. Der andere wächst zwei Bezirke weiter auf, teilt Memes aus amerikanischen Foren, glaubt Propaganda aus Moskau und hält sich für einen Verteidiger des Abendlandes. Beide glauben, gegen Globalismus zu kämpfen. Beide sind Produkte globaler digitaler Milieus — und beide hätten miteinander mehr gemeinsam, als ihnen lieb wäre.

Wien muss deshalb zwei Fehler vermeiden. Naive Folklore, die politische Einschüchterung als bunte Vielfalt abtut. Und plumpen Generalverdacht, der jede Fahne, jedes Geschäft und jede Familie zum Problem erklärt — das treibt Menschen erst recht in Schutzgemeinschaften. Der nüchterne Maßstab lautet: Nicht Herkunft ist das Problem, sondern autoritäre Loyalität. Nicht Religion, sondern politischer Herrschaftsanspruch. Nicht die Fahne, sondern die Botschaft darunter.

Die Stadt gehört nicht den Fahnen. Sie gehört den Bürgern. Und Bürger sind keine Gefolgsleute

Kapitel 07

Die neue Härte

Unter Fahnen, Führerkult und Heimatrhetorik liegt eine tiefere Schicht: die Rückkehr des Sozialdarwinismus — in neuer Sprache.

Sie sagt: Wer untergeht, war zu schwach. Wer arm bleibt, hat sich nicht angepasst. Wer seinen Job verliert, war nicht flexibel genug. Wer krank, alt, erschöpft oder überfordert ist, wird zum Kostenfaktor. Wer oben ist, gilt als leistungsfähig; wer unten ist, gilt als selbst schuld.

Früher sprach man vom „Überleben des Stärkeren“. Heute sagt man Resilienz, Performance, Eigenverantwortung, Anpassungsfähigkeit, Wettbewerbsfähigkeit, Standortlogik, Effizienz. Die Botschaft bleibt ähnlich: Der Markt sortiert, die Technik beschleunigt, der Staat soll vor allem jene schützen, die nützlich sind.

Dabei kommt diese Haltung selten als offenes Bekenntnis. Sie kommt popkulturell: als Meme, als Podcast-Satz, als Fitness-Ästhetik, als „Alpha“-Gerede, als Sparta-Kitsch, als Wikinger-Fantasie, als ständige Rede von Dekadenz, Verweichlichung und natürlicher Hierarchie. Denker werden dabei wie Markenartikel benutzt: Nietzsche auf den „Willen zur Macht“ verkürzt, Darwin als Rechtfertigung sozialer Rücksichtslosigkeit missbraucht, Stoizismus nicht als Schule der Selbstbeherrschung, sondern als kalte Härtepose. Das ist keine Bildung. Das ist intellektuelles Merchandising: Man liest nicht, um zu verstehen, man greift Begriffe, um sich stärker zu fühlen.

Umbenennung als Verharmlosung

Die Gegenwart hat eine enorme Fähigkeit, hässliche Dinge umzubenennen.

Aus Ausbeutungwird Flexibilisierung

Aus Überwachungwird Sicherheitsarchitektur

Aus Sozialabbauwird Reform

Aus Jobverlustwird Transformation

Aus Sozialdarwinismuswird Leistungsprinzip

Die Sprache wird gereinigt, damit die Macht schmutzig bleiben kann. Gerade darin liegt die Gefahr: Gesellschaften werden nicht nur durch Gewalt verändert, sondern durch Begriffe. Wer die Begriffe kontrolliert, kontrolliert den Rahmen des Denkbaren. Wenn Menschen ihren Abstieg als persönliche Unfähigkeit statt als strukturelles Problem deuten, ist politische Gegenwehr schon geschwächt.

Ausschnitt · Alte Ideen, neue Verpackung Bildleiste mit fünf Feldern unter der Zeile „Alte Ideen – neue Verpackung – gleiches Ziel: Macht, Kontrolle, Profit“. Darwin: missverstanden, missbraucht, mit der Sprechblase „Survival of the fittest“. Spencer: übertragen auf Gesellschaft, „Der Staat hilft nur den Unwürdigen“. Nietzsche: zitieren ohne zu verstehen, „Wille zur Macht“. Pop-Philosophie: TikTok, Podcasts, Memes, Motivation, „Sei hart, zeig keine Schwäche“. Neuer Elitenkult: eine gekrönte Figur auf einem Thron mit der Sprechblase „Ich verdiene es, die anderen nicht“ und der Unterschrift „Ich bin oben“.
Missverstanden, übertragen, zitiert ohne zu verstehen. Drei Denker als Merchandising-Regal. Ganz rechts steht, worauf die Kette hinausläuft: nicht auf eine These, sondern auf einen Thron. „Ich bin oben“ ist keine Erkenntnis, sondern eine Sitzordnung. Ganze Tafel ansehen → Illustration: Thomas Schüller

KI ist kein Werkzeug allein, sondern eine Eigentumsfrage

Künstliche Intelligenz ist nicht automatisch böse. Sie kann helfen, heilen, übersetzen, ordnen, analysieren, forschen. Aber die entscheidende Frage lautet nicht: Was kann KI? Sondern: Wem gehört sie? Wer kontrolliert Daten, Rechenzentren, Chips, Modelle, Schnittstellen und Zugänge?

Unter den aktuellen Eigentumsverhältnissen ist KI vor allem ein Machtinstrument jener, die die Infrastruktur besitzen. Der einzelne Nutzer besitzt die Maschine nicht. Er mietet Zugang, liefert Daten, trainiert indirekt Systeme — und wird messbar, bewertbar, ersetzbar. Für Unternehmen ist KI deshalb nicht nur Werkzeug, sondern auch Disziplinierungsinstrument: Sie kann Arbeit beschleunigen und entwerten, Wissen aus Beschäftigten herauslösen, Juniorstellen reduzieren, Kreativarbeit industrialisieren. Der neue Satz lautet nicht mehr: Arbeite schneller. Er lautet: Arbeite schneller als die Maschine, mit der Maschine, für die Maschine.

So entsteht eine neue Spaltung: oben jene, die KI besitzen oder strategisch einsetzen; in der Mitte jene, die mit KI produktiver, aber stärker kontrolliert werden; unten jene, deren Arbeit entwertet, automatisiert oder prekär gemacht wird. Das ist kein neutraler Fortschritt, sondern eine Verteilungsfrage. Wenn Produktivität steigt, aber Gewinne privatisiert werden, entsteht kein Fortschritt für alle, sondern eine Rentenökonomie: Die Maschine arbeitet, der Eigentümer kassiert, der Beschäftigte soll sich neu qualifizieren.

Der freie Markt gilt für die Schwachen

In der offiziellen Erzählung ist der Markt eine neutrale Ordnung: Angebot, Nachfrage, Wettbewerb, Innovation. Aber sobald es um strategische Technologie geht, endet die Folklore. Dann kommen Exportkontrollen, Sanktionen, Zölle, Investitionsprüfungen, Subventionen, Chipgesetze, Industriepolitik, Lieferkettenpolitik. Bei Halbleitern sieht man das besonders deutlich: Chips sind nicht mehr bloß Waren, sie sind Machtmittel. Plötzlich zählt nicht mehr Effizienz, sondern Kontrolle. Das ist keine Panne des Systems. Das ist das System, sobald es ernst wird.

Handelskriege, Sanktionen und Zölle gehören in denselben Zusammenhang. Jahrzehntelang wurde Globalisierung als Sachzwang verkauft. Jetzt zeigt sich: Diese Ordnung war nie unpolitisch, sie war immer von Macht geschützt. Energie, Chips, seltene Erden, Daten, Medikamente, Getreide, Häfen, Kabel — alles wird strategisch. Wirtschaft ist nie nur Wirtschaft. Sie ist verdichtete Macht.

Kriege beschleunigen diese Logik zusätzlich. Sie erzeugen Unsicherheit, Inflation, Rüstungslogik, Feindbilder, Loyalitätsdruck. In Kriegszeiten wird Differenzierung verdächtig: Wer fragt, gilt schnell als Verräter; wer zweifelt, als schwach. Das heißt nicht, dass es keine Aggressoren gäbe, und nicht, dass Sanktionen oder militärische Unterstützung immer falsch wären. Aber man muss sehen, was Kriegslogik gesellschaftlich tut: Sie normalisiert Härte und macht Autoritarismus plausibler. Wer permanent im Ausnahmezustand lebt, gewöhnt sich an Ausnahmeinstrumente.

Und hier schließt sich der Kreis zum Nationalismus. Er ist in diesem System kein Fremdkörper, sondern der emotionale Klebstoff. Er übersetzt abstrakte Systemkrisen in einfache Bilder. Nicht: Kapital, Technologie, Eigentum, Geopolitik und ökologische Krise erzeugen Druck. Sondern: Die Fremden sind schuld. Das Feindbild macht die komplexe Krise konsumierbar.

Der tiefste Motor ist nicht Hass. Es ist die Angst, überflüssig zu sein

Diese Angst ist real: den Job zu verlieren, sozial abzusteigen, technisch überholt zu werden, dass die eigenen Kinder schlechter leben, dass Bildung, Arbeit und Disziplin nicht mehr reichen. Aber sie wird politisch vergiftet. Statt zu sagen: Wir brauchen neue Eigentumsregeln, soziale Sicherheit, Bildung, demokratische Technikkontrolle und faire Verteilung, sagt der autoritäre Populismus: Such dir einen Feind. Das ist der Betrug. Die Menschen haben echte Gründe, wütend zu sein — aber ihnen werden falsche Ziele gegeben.

Kapitel 08

Die neuen Ersatzreligionen

Die Gegenwart ist nicht glaubenslos. Sie glaubt nur anders — und das moderne Opium ist nicht verschwunden, es hat sich vervielfacht.

Sie glaubt nicht mehr geschlossen an Kirche, Nation oder Fortschritt im alten Sinn. Aber sie sucht weiterhin Erlösung, Trost, Ordnung, Heilung und Zugehörigkeit. Genau dort entstehen die neuen Ersatzreligionen: Technologie, KI, Märkte, Sicherheit, Longevity, Psychedelika, Popkultur, Körperoptimierung, Naturkitsch, nationale Mythen.

Die Technokratie spricht nicht von Gott, sondern von Daten, Effizienz, Evidenz, Transformation. Ihre Botschaft lautet: Es gibt keine Alternative. Das klingt rational, verschleiert aber Macht. Denn jede technische Lösung enthält Interessen: Wer misst? Was wird gemessen? Wer profitiert von Effizienz? Wer wird eingespart? Technokratie versteckt Politik hinter Methode. Herrschaft erscheint nicht mehr als Herrschaft, sondern als Prozess.

Die KI wird zum Orakel. Man fragt, und etwas antwortet. Das ist praktisch, verändert aber die Beziehung zur eigenen Urteilskraft. Die gefährliche Verschiebung lautet: nicht mehr „Was denke ich?“, sondern „Was sagt das System?“; nicht mehr „Wer trägt Verantwortung?“, sondern „Der Algorithmus hat entschieden.“ So entsteht ein neuer Schicksalsglaube. Früher sagte man: Gott will es. Heute sagt man: Die Daten zeigen es.

Die Popkultur ist nicht bloß Unterhaltung, sie produziert Weltbilder. Serien, Games, Blockbuster, Sportevents, Influencer und politische Clips liefern emotionale Landkarten: Wer ist Held, wer Feind? Wer darf Gewalt anwenden? Wer bleibt Statist? Das bedeutet nicht, dass jeder Film Propaganda wäre. Aber Popkultur trainiert Gefühle — und sortiert Empathie. Der Zuschauer muss kein Manifest lesen. Er muss nur wiederholt fühlen, wer gut und wer böse ist.

Dazu kommt das Spektakel: Politik wird Clip, Krieg wird Feed, Katastrophe wird Content, Empörung wird Geschäftsmodell. Noch nie gab es so viele Informationen — und trotzdem wirkt die Öffentlichkeit verwirrter und leichter manipulierbar. Das moderne Opium ist nicht Unwissenheit. Es ist Überreizung. Man sieht alles, versteht aber immer weniger. Man reagiert, bevor man begreift.

Longevity und Wellness versprechen Erlösung durch Körperkontrolle. Blutwerte, Biomarker, Schlaftracking, Fasten, Gentests, Anti-Aging: Der Körper wird zum Projekt. Daran ist nicht alles falsch — Gesundheit und Prävention sind legitime Ziele. Aber die Verpackung ist entscheidend. Altern wird zum persönlichen Versagen, Krankheit zum Optimierungsfehler, Erschöpfung zum Managementproblem. Und Wellness kann in Reinheitsideologie kippen: der reine Körper gegen die vergiftete Masse, die natürliche Lebensweise gegen die dekadente Stadt. Man glaubt, frei zu werden, während man sich immer enger selbst überwacht.

Ähnlich ambivalent ist die psychedelische Renaissance. Depression, Trauma, Sucht und seelische Erschöpfung sind reale Probleme, und dass Menschen neue therapeutische Wege suchen, ist nachvollziehbar. Aber der Markt macht aus Hoffnung schnell ein Produkt: Tiefe wird buchbar, Heilung paketiert, Erfahrung zur Ware. Eine innere Erfahrung kann wertvoll sein. Sie ersetzt aber keine gerechte Gesellschaft. Wer an Arbeitsdruck, Einsamkeit, Armut und Zukunftsangst leidet, braucht nicht nur eine Innenreise, sondern auch eine veränderte Außenwelt.

Und schließlich die Sicherheit, vielleicht die stärkste Gottheit der Gegenwart. Sie wirkt vernünftig, weil reale Unsicherheit existiert. Aber sie kann alles rechtfertigen: Überwachung, Grenzregime, Datensammlung, Ausnahmegesetze, Einschränkung von Protest. Die Sicherheitsreligion sagt: Freiheit später, erst Ordnung. Das Problem ist, dass das Später selten kommt. Ausnahmeinstrumente werden normal. Eine Gesellschaft verliert Freiheit dann nicht durch einen Putsch, sondern durch schrittweise Zustimmung.

Die Gegenwart hat keine einheitliche Kirche mehr, aber viele Priesterfiguren: den Tech-Gründer, der Zukunft predigt; den KI-Experten, der Alternativlosigkeit erklärt; den Finanzguru, der Freiheit durch Investment verspricht; den Fitnesscoach, der Disziplin als Erlösung verkauft; den spirituellen Lehrer, der Trauma in Retreats monetarisiert; den politischen Führer, der nationale Wiedergeburt verspricht; den Sicherheitsapparat, der Kontrolle als Schutz verkauft; den Medienstar, der Empörung in Identität verwandelt. Nicht jeder Experte ist ein Priester, nicht jeder Coach ein Betrüger. Aber als Muster ist auffällig: Menschen suchen Autoritäten, die ihnen Komplexität abnehmen. Der neue Gehorsam sagt nicht mehr „unterwirf dich“. Er sagt: Folge mir. Optimiere dich. Vertraue dem System. Kauf den Kurs.

Ausschnitt · Die neuen Priester Bildleiste mit acht Porträtfeldern und Bildunterschriften: Der KI-Experte verkauft Alternativlosigkeit. Der Finanz-Guru verspricht Freiheit durch Investment. Der Fitness-Coach verkauft Disziplin als Erlösung. Der spirituelle Lehrer monetarisiert deine Sehnsucht. Der Politiker verspricht nationale Wiedergeburt. Der Sicherheitsapparat verkauft Kontrolle als Schutz. Der Medienstar macht Empörung zur Identität.
Acht Kanzeln, ein Geschäftsmodell. Beichte wird nicht abgenommen, Kreditkarten schon. Keine dieser Figuren ist an sich unseriös. Auffällig ist das Muster: Alle nehmen dem Publikum dieselbe Sache ab — das Aushalten von Ambivalenz. Ganze Tafel ansehen → Illustration: Thomas Schüller

All diese Angebote haben eine gemeinsame Funktion: Sie erlösen von Ambivalenz. Sie verwandeln Fragen in Rituale, Probleme in Produkte, Politik in Gefühle, Unsicherheit in Zugehörigkeit, Freiheit in Anleitung. Und daraus folgt die eigentliche Diagnose: Die Gegenwart produziert immer mehr Probleme, die kollektiv lösbar wären — und verkauft immer mehr private Erlösungen für Einzelne. Klimakrise? Kauf Kühlung. Einsamkeit? Kauf Coaching. Alter? Kauf Longevity. Orientierungslosigkeit? Frag die KI. Die Gesellschaft wird härter, aber ihre Betäubungsmittel werden weicher verpackt.

Kapitel 09

Heimat, Hitze, Klimaanlage

Der Klimawandel wird nicht mehr nur geleugnet. Er wird umgedeutet — und die Klimaanlage ist das perfekte Symbol dafür.

Solange Klimapolitik abstrakt war, konnte man sie als Hysterie, grüne Ideologie oder Angriff auf den kleinen Mann verkaufen. Jetzt kommt die Hitze in den Wohnungen an. In Schulen. In Pflegeheimen. In Dachgeschossen. In Körpern, die nicht mehr schlafen können. Plötzlich lässt sich die Realität nicht mehr wegreden. Also wird sie umverpackt.

Nicht: Wir haben die Klimakrise zu lange verharmlost. Nicht: Wir müssen Emissionen senken, Städte umbauen, Böden entsiegeln, Gebäude sanieren. Sondern: Wir schützen unsere Leute. Unsere Heimat. Unsere Familien. Und natürlich: Wir brauchen Klimaanlagen.

Die Klimaanlage löst kurzfristig ein reales Problem, und niemand sollte Alten, Kranken oder Kindern in überhitzten Wohnungen Kühlung verweigern. Hitzeschutz ist kein Luxus. Aber wenn Klimaanlagen als Ersatz für Klimapolitik verkauft werden, wird aus Schutz eine politische Ausrede. Die unausgesprochene Botschaft lautet dann: Wir müssen unsere Stadtplanung, Energiepolitik, Bodenversiegelung, Bauweise und unser Wirtschaftsmodell nicht grundsätzlich hinterfragen. Wir kaufen uns einfach kühl.

Aus„Klimawandel gibt es nicht“

wird„Wir müssen unsere Bevölkerung vor Hitze schützen“

Aus„Klimapolitik ist Ideologie“

wird„Klimaanlagen sind gesunder Hausverstand“

Aus„grüne Panik“

wird„Der Staat lässt unsere Kinder in heißen Schulen sitzen“

Der Trick liegt darin, nur den Schmerz anzuerkennen, nicht die Ursache.

Ausschnitt · Wer kühlt, wer schwitzt Zweigeteilte Zeichnung. Links sitzt ein lachender Mann mit Sonnenbrille im Sessel unter einer laufenden Klimaanlage, vor ihm ein Cocktail und eine Zeitung mit der Schlagzeile „Hitzerekord! Klimawandel nicht mehr zu leugnen!“, dazu Sprechblasen „Die anderen sind schuld!“ und ein Wahlplakat, im Hintergrund Bagger, Fabrikschlote und Schilder „Wir schaffen Arbeitsplätze“ und „Mehr Straße, mehr Beton, mehr Profit“. Zwischen beiden Hälften ein Sack mit Eurozeichen und der Aufschrift „Klimaanlagen-Subventionen, Steuergeld“. Rechts kauert eine erschöpfte Familie in ausgedörrter Landschaft unter einer zornigen Sonne, mit der Sprechblase „Für uns bleibt nur die Hitze“.
Links die Klimaanlage samt Zeitung, die den Klimawandel gerade entdeckt hat. Rechts die Rechnung. Zwischen beiden Hälften liegt der Sack mit den Subventionen. Kühlung ist keine Lifestyle-, sondern eine Klassenfrage. Ganze Tafel ansehen → Illustration: Thomas Schüller

Das Muster ist wie bei jemandem, der jahrelang das brennende Haus leugnet — und dann Feuerlöscher verkauft, sobald der Rauch im Schlafzimmer steht. In Frankreich lässt sich dasselbe beobachten: Der Rassemblement National, der lange gegen Klimapolitik mobilisierte, entdeckt Hitzeschutz als populistisches Thema und kann damit gleich mehreres tun — sich als Schutzmacht der einfachen Leute inszenieren, die Regierung wegen schlechter Vorbereitung angreifen und trotzdem jede ernsthafte Klimapolitik vermeiden. Politisch geschickt. Intellektuell billig.

Kühlung ist eine Klassenfrage

Wer Geld hat, kühlt. Wer arm ist, schwitzt. Der Wohlhabende saniert, beschattet, begrünt, kauft ein Splitgerät, fährt aufs Land oder arbeitet im gekühlten Büro. Der Arme sitzt in der schlecht isolierten Mietwohnung, in dicht verbautem Viertel, mit wenig Grün und viel Asphalt. Alte Menschen, Kinder, Kranke, Pflegebedürftige und Arbeiter im Freien zahlen die Rechnung zuerst. Klimaanpassung ist deshalb keine Lifestyle-Frage, sondern Sozialpolitik. Wer Klimaanlagen fordert, aber gleichzeitig Sozialstaat, öffentliche Infrastruktur und Gebäudesanierung schwächt, verspricht Kühlung und liefert keine Gerechtigkeit.

Und hier zeigt sich eine österreichische Spezialität. Die Zweite Republik hat sich lange als antifaschistische Erfolgsgeschichte erzählt. Das ist nicht falsch, aber unvollständig: Die eigene NS-Verstrickung wurde jahrzehntelang durch die Opferthese abgefedert, die Entnazifizierung blieb begrenzt, ehemalige Nationalsozialisten wurden rasch wieder integriert. Viele wollten Normalität und Wiederaufbau — auch um den Preis des Vergessens. Diese verdrängte Geschichte wirkt nach. Sie zeigt sich in der Fähigkeit, Gegensätze gemütlich zu verpacken: ein bisschen autoritär, aber nicht so gemeint; ein bisschen völkisch, aber nur Brauchtum; ein bisschen national, aber nur Heimat; ein bisschen Klimaleugnung, aber jetzt doch Klimaanlage. Das Harte weich aussprechen und das Verdrängte in Kitsch verpacken.

Eine echte Liebe zur Heimat müsste heute radikal nüchtern sein: Wenn wir diese Landschaften, diese Städte, diese alten Menschen und diese Kinder schützen wollen, müssen wir die Klimakrise ernst nehmen — nicht als Parteisymbol, nicht als Panik, sondern als physische Realität. Wer Natur sagt, aber Klimaschutz verspottet, lügt. Wer Heimat sagt, aber Böden versiegelt, lügt. Wer Kinder sagt, aber Schulen überhitzen lässt, lügt. Das ist nicht Zukunft. Das ist Verdrängung mit Ventilator.

Kapitel 10

Was dagegen hilft

Nicht Spott. Spott kann entlarven, aber selten befreien.

Präzision. Man muss unterscheiden zwischen echten Ursachen und falschen Schuldigen, zwischen struktureller Kritik und Sündenbockdenken, zwischen berechtigter Wut und paranoider Projektion. Und man muss die Umkehr benennen, statt jede Opferbehauptung als wahr zu behandeln: Wer hat hier tatsächlich Macht? Wer bedroht wen? Wer fordert Rechte, und wer fordert Unterwerfung?

Probleme real benennen. Rechtsextremismus, religiöser Fundamentalismus jeder Konfession, Nationalismus jeder Herkunft, Antisemitismus, Rassismus, Frauenverachtung, Wohnungsnot und Bildungsversagen dürfen nicht aus Angst vor falschem Applaus verschwiegen werden. Entscheidend ist dabei der gleiche Maßstab: Wer nur die Radikalen der anderen Seite sieht, betreibt selbst Lagerpolitik. Und wer reale Diskriminierung ignoriert, macht die Opferpose der Radikalen stärker.

Eine Kultur des Irrtums. Menschen müssen Fehler eingestehen können, ohne sozial vernichtet zu werden — sonst klammern sie sich weiter an Lügen. Eine demokratische Gesellschaft braucht den Satz: Ich habe mich geirrt, und ich kann trotzdem weiter dazugehören. Verantwortung ja, aber ohne Demütigung; wer beschämt wird, flieht in Trotz.

Bildung, die nicht harmlos ist. Nicht Plakatkampagne, sondern demokratische Grundausbildung: Geschichte, Propagandamechanik, Medienkompetenz, Statistik, politische Ökonomie, Rechtsstaat, Konfliktfähigkeit. Und ohne blinde Flecken — über Faschismus reden, aber ebenso über religiösen Fundamentalismus in allen seinen Spielarten, über Antisemitismus, Rassismus, Ultranationalismus, Verschwörungsglauben, Frauenverachtung und Online-Radikalisierung.

Soziale Sicherheit. Wer permanent Angst vor dem Absturz hat, denkt schlechter; Dauerstress macht anfällig für einfache Erklärungen. In einer Epoche technologischer Umbrüche ist soziale Sicherheit keine Bremse, sondern die Voraussetzung dafür, dass Menschen nicht in autoritäre Ersatzgemeinschaften flüchten.

Demokratische Technikkontrolle. Die Antwort auf KI kann nicht Technikfeindlichkeit sein. Aber KI muss als Infrastrukturfrage behandelt werden, nicht nur als Produkt: Daten, Modelle, Rechenzentren und algorithmische Entscheidungen gehören reguliert, und wer KI in Arbeit, Verwaltung, Bildung, Medizin oder Sozialstaat einsetzt, muss Rechenschaft ablegen. Produktivitätsgewinne müssen verteilt werden — sonst wird KI zur Maschine der Ungleichheit.

Öffentliche Räume verteidigen. Eine Stadt darf Vielfalt zeigen, aber keine Einschüchterung akzeptieren: keine Führerkulte, keine verbotenen Symbole, keine Reviermarkierungen. Und: Wer gegen Nationalismus kämpft, darf nicht selbst in ethnisches Denken zurückfallen.

Bürgerlichkeit zurückgewinnen — nicht im spießigen, sondern im republikanischen Sinn: Menschen müssen wieder lernen, Bürger zu sein, nicht bloß Konsumenten, Follower, Herkunftsgruppen oder Wutträger.

Schluss

Die gefährlichste Form ist die normale

Die gefährlichste Radikalisierung ist nicht die spektakulärste. Es ist die, die normal wird. Wenn der Führerkitsch im Regal steht. Wenn die Fahne dauerhaft das Denken ersetzt. Wenn Feindbilder Alltagssprache werden. Wenn junge Männer sich in Symbolen härter fühlen als im eigenen Charakter. Wenn jeder Konflikt ethnisch, national, religiös oder verschwörerisch gelesen wird. Wenn der Bürger verschwindet und der Gefolgsmann zurückkehrt.

Corona war laut, sichtbar, hysterisch. Die Gegenwart ist schleichender: angepasster, alltagstauglicher, breiter verteilt. Sie trägt nicht immer Uniform. Manchmal trägt sie Ring, Hoodie, Tattoo, Parteikappe, Profilbild, Fahne, Meme oder Opferpose. Genau deshalb muss man jetzt genauer hinschauen.

Die Geschichte sagt nicht: Alles wiederholt sich exakt. Sie sagt: Wer die frühen Muster ignoriert, erkennt die Katastrophe erst, wenn sie schon begonnen hat. Demokratien sterben nicht nur durch Putsch. Sie sterben auch durch Gewöhnung. Und diese Republik hat Abwehrkräfte — Institutionen, Erinnerungskultur, unabhängige Gerichte, Zivilgesellschaft. Aber sie funktionieren nicht automatisch. Demokratie ist keine Maschine, die weiterläuft, wenn niemand sie wartet.

Wien ist nicht 1933. Aber Wien ist nur dann Wien, wenn es Republik bleibt: frei, plural, rechtsstaatlich, selbstbewusst — und unbeeindruckt von jedem Nationalismus und jedem Absolutheitsanspruch, egal welche Fahne er trägt und in welchem Namen er auftritt.

Freiheit beginnt nicht dort, wo alle dasselbe Zeichen tragen. Freiheit beginnt dort, wo Menschen ohne Angst widersprechen können