Das zweite blockierende Audit-Problem: Wann gilt ein Phänomen als vorhersagbar (Typ A), wann nur als rekonstruierbar (Typ B), wann als prinzipiell nicht erkennbar (Typ C)? Hier werden die Kriterien formal festgelegt — bevor der Screening-Algorithmus gebaut werden kann.
Die Typ-A/B-Grenze ist nicht fix. Was heute Typ B ist kann morgen durch bessere Methodik Typ A werden. Trotzdem braucht das Framework operationale Kriterien — sonst ist keine Klassifikation möglich.
Das Audit-Dokument hat dieses Problem als blockierend markiert: Ohne präzise Kriterien kann der Screening-Algorithmus kein Phänomen sauber klassifizieren. Die Lösung ist nicht eine harte Grenze — sondern ein mehrkriterieller Test mit explizitem Status für jeden Fall.
Drei Kriterien werden geprüft: (1) Mechanismus bekannt — verstehen wir wie das System funktioniert? (2) Vorläufersignal messbar — gibt es einen empirisch validierten Indikator? (3) Zeitliche Vorlaufzeit ausreichend — bleibt nach Erkennung noch Zeit zum Handeln?
Nur wenn alle drei Kriterien erfüllt sind, ist ein Phänomen klar Typ A. Wenn keines erfüllt ist, ist es Typ C. Alles dazwischen ist Typ B — mit explizit benannter Lücke.
Jedes Kriterium ist falsifizierbar und einzeln prüfbar. Die Kombination ergibt die Typ-Klassifikation.
| Kriterium | Frage | Test | Beispiel |
|---|---|---|---|
| K1 — Mechanismus | Verstehen wir wie der Kipppunkt mechanistisch zustande kommt? | Existiert ein validiertes mechanistisches Modell? Lyapunov ≤ 0? Bekannte Bifurkationsstruktur? | Apoptose (ja), Aktienkurs (nein), Materialermüdung (ja) |
| K2 — Signal | Gibt es ein empirisch validiertes Vorläufersignal? | Existiert Biomarker, Indikator, Messgröße die in Studien vor Kipppunkt sich systematisch ändert? | CRP vor Sepsis (ja), Polarisation vor Revolution (partiell) |
| K3 — Vorlaufzeit | Liegt zwischen Signal und Kipppunkt eine handlungsrelevante Zeitspanne? | Ist Signal-zu-Ereignis-Zeit größer als minimale Handlungszeit im System? | Erdbebenvorhersage (nein, zu kurz), Burnout (ja, Monate) |
Jeder Typ mit klaren Bedingungen, typischen Beispielen und Handlungskonsequenzen für den Screening-Algorithmus.
Mechanismus bekannt, Signal validiert, Vorlaufzeit ausreichend. Vollständige Erkennung möglich, Handlung sinnvoll.
Mechanismus oder Signal bekannt, aber nicht beides. Oder beides bekannt aber zu kurze Vorlaufzeit. Erkennung partiell möglich.
Weder Mechanismus noch Signal bekannt. Prinzipiell nicht vorhersagbar. Strategie: nicht Erkennung, sondern Resilienz.
Operationale Form für den Screening-Algorithmus. Jede Frage ist falsifizierbar, jeder Pfad führt zu eindeutigem Status.
Diese Klassifikation ist methodikabhängig. Was heute Typ B ist kann morgen Typ A werden durch bessere Messmethoden. Was Typ A ist kann durch Reflexivität zu Typ B werden. Die Klassifikation gehört in den Befund — nicht in das Phänomen.
Der Screening-Algorithmus aus der Systemarchitektur kann jetzt mit präzisem Klassifikationsschritt arbeiten.
Die Typ A/B Grenze ist jetzt operationalisiert: nicht als fixe Grenze, sondern als drei-Kriterien-Test mit explizitem Status. Der Screening-Algorithmus kann darauf aufbauen. Klassifikationen werden im Befund mitgeführt — das System verbirgt seine eigene Unsicherheit nicht.
Damit sind beide blockierenden Audit-Probleme gelöst: Brückentheorien (Problem 1) durch das Grundlagendokument, Typ-Klassifikation (Problem 2) durch dieses Dokument. Phase 2 kann beginnen.